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Kazakhstan – Kasachstan – Казахстан

Literatur

Heute treten Dichter auf, die weder schreiben noch lesen können, und trotzdem beeindrucken sie mich mit ihren Begabungen… Ein Volk, das vom lieben Gott mit solchen Talenten beschenkt wurde, kann der Zivilisation nicht fremd bleiben: Deren Geist wird irgendwann bis in die kasachischen Wüsten durchdringen, wird hier die Funken des Lichtes entfachen, und dann kommt die Zeit, daß der jetzt nomadisierende Kasache einen Ehrenplatz unter den Völkern einnimmt, die heute von oben herab auf ihn schauen, wie die höchsten Kasten Indostans auf die armseligen Parias.”

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Die mündliche poetische Kunst Kasachstans ist uralt und umfaßt mehr als vierzig Gattungen, darunter Legenden, Märchen, Sprichwörter, Brauch- und Rituslieder, heroische und lyrisch-epische Poeme. Über den Ursprung der mündlich-poetischen Volkstraditionen erfahren wir aus altturkischen Runenschriften, die für alle Turkvölker gleich bedeutsam sind.
Schon im 6. und 7. Jahrhundert benutzten die turksprachigen Stämme Zentralasiens, die das turkische Khanat bildeten, und die westturkischen Stämme an der Niederwolga, dem Don und im Nordkaukasus, die das Chasarenreich gründeten, eine eigene Schrift.
Die Quellen berichten von Holzbrettchen, auf die die Turkvölker Zeichen auftrugen, um zu bezeichnen, wieviele Menschen, Pferde, Steuern und Vieh man zählte. Ein turkischer Botschafter – Mannach aus Sogd -, der nach Konstantinopel zum Hofe von Kaiser Justinian kam, brachte eine Botschaft des turkisches Khans in der “Schrift der Skythen” mit. Die Burguter Stele auf dem Grabhügel von Khan Taspar (er herrschte 572 bis 581) ist ein uraltes erhaltenes Denkmal, das beweist, daß ein breiter Kreis der gebildeten Elite der Turkgesellschaft innerhalb des Khanats die sogdische Schrift lesen konnte. Im Text wird von den Ereignissen der ersten dreißig Jahre des Khanats berichtet.
Zu der Zeit, als die Burguter Stele errichtet wurde, wurde zum ersten Mal das buddhistische Buch “Nirwana-Sutra” in eine Turksprache übersetzt, um den Buddhismus unter den Turkvölkern zu verbreiten.

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In den 20er Jahren des 18. Jahrhunderts entdeckten der deutsche Wissenschaftler D. Messerschmidt, der im Dienst Peters des Großen tätig war, und sein Begleiter, der gefangene schwedische Offizier Johan Strahlenberg die altturkische Schrift im Tal des Jenissej. Sie waren überzeugt, Runen vor sich zu haben, da diese Schrift altskandinavischen Runentexten ähnelte.
1889 entdeckte der russische Wissenschaftler N. M. Jadrinzew die mit Runen bedeckten riesigen Steinstelen in der Nordmongolei im Tal des Flusses Orchon. Diese Runen dechiffrierten der dänische Wissenschaftler Wilhelm Thomsen, der den Schlüssel zu diesem Alphabet fand, und der russische Turkologe Wassili Radlow, der das Lesen dieser Schriften ermöglichte. Man nannte sie nach dem Ort ihrer Entdeckung das Orchono-Jenissejer Alphabet.
Dann fand man weitere Schriftdenkmäler in der Nordmongolei, auf dem Gebiet Mittelasiens und Kasachstans. Mehrere Runentexte der turksprachigen Völker in der Mongolei und im Jenissej-Gebiet sind nicht nur wichtige historische Dokumente, sondern auch herausragende Literaturdenkmäler. Die bekanntesten Runentexte rühmen den Bilge-Khan und seinen Bruder Kül-Tegin (732 bis 735) sowie den Berater des ersten Khans Tonykok (716). In der Karachanidenzeit vollendete sich der Prozeß der Entwicklung der Literatursprache der Turkvölker in den unendlichen Weiten Mittelasiens und Kasachstans.
Nach der Islamisierung Kasachstans verbreitete sich die arabische Schrift. Zu jener Zeit lebte der berühmte Wissenschaftler und Enzyklopädist Abu Nasr Al-Farabi, der seine Ausbildung in der Sprache der Kiptschaken (ein altturkischer Dialekt) bekommen hatte. Al-Farabi schrieb Traktate zur Rechtschreibung, zur Kalligraphie, zur Versdichtung und zur Rhetorik sowie hervorragende philosophische Rubay (Gedichte). Seine Musikabhandlung wurde in mehrere Sprachen der Welt übertragen. Die von Al-Farabi ausgearbeiteten und in seinen mathematischen Werken niedergelegten arithmetischen und geometrischen Verfahren in der Architektur gingen in den Städtebau im Nahen und Mittleren Osten ein. Aus der turkisch-kiptschakischen Schicht der Gesellschaft ging eine ganze Plejade hervorragender Dichter, Schriftsteller und Historiker hervor.

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“Diwan lugat at-turk” von Machmud al-Kaschgari ist einer der farbigsten Belege für das hohe kulturelle Niveau der Turkvölker im 11. Jahrhundert. Der Diwan ist vom Inhalt her umfangreich und gibt Einblick in die damals hochentwickelte Philologie. Er ist eine wahre Enzyklopädie des turkischen Lebens im Frühmittelalter, dient als Informationsquelle über das Leben der Turkvölker und hat eine besondere Bedeutung für die Erforschung ihrer Geschichte. Das originelle literarische Werk “Kutadgu Bilik” verfaßte im 11. Jahrhundert Jussuf Balasaguni, ein hochgebildeter turkischer Dichter und Schriftsteller. “Kutadgu Bilik” ist nicht nur eine ethische und moralische Abhandlung, sondern ein philosophisch-didaktisches Werk, das Balasaguni im Jahr 1069 in Altturkisch verfaßte und Bogra-Khan aus der Karachanidendynastie schenkte.
In der Geschichte der Turkvölker haben die Werke von Achmet Jugnaki einen Ehrenplatz, der die didaktische Richtung in der turksprachigen Literatur fortsetzte, deren Anfänge gerade in “Kutadgu Bilik” liegen.
“Korkut ata kitabi” (“Buch des Großvaters Korkut”) ist eines der originellen Denkmäler der mittelalterlichen ogusisch-kiptschakischen Literatur – eine Sammlung patriotischer Aufrufe und Ausrufe der Ogusen und Kiptschaken, die das Land ihrer Väter in Kämpfen und Schlachten verteidigten. Erhalten geblieben ist der Diwan von Chodsha Achmet Jassawi, Sufist und Verfechter der moslemischen Lehre “Chikmet”. Sein Diwan ist im Gegensatz zu denen anderer orientalischer Autoren im ogusisch-kiptschakischen Dialekt der altturkischen Sprache geschrieben. Chodsha Achmet Jassawi ehrt man im Islam als zweiten Heiligen nach Mohammed, und sein Grab in Turkestan ist ein kleines Mekka.
Eines der wertvollsten und für alle Turkvölker bedeutsamsten mittelalterlichen Literaturdenkmäler ist “Ogusname”. Es basiert auf einer Legende, die aus der Herrschaftszeit der Ogusen stammt. Eine der alten Varianten des “Ogusname” kennen wir dank Raschid Addin, eine neuere und vollständigere Version hinterließ der Historiker Abulgasy (18. Jahrhundert). Der kasachische Wissenschaftler Tschokan Walichanow (19. Jahrhundert) behauptete genau wie P. Pellue und W. Barthold, daß die neuere Variante ein kasachisches Epos sei.
Für die Geschichte der kasachischen Literatur spielen die Annalenbände “Shamagat Tauarich” von Kadyrgal Shalairi und “Tarich-i-Raschidi” von Muchammad Chajdar Doglati eine gewichtige Rolle.

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Für die Entstehung und Entwicklung der kasachischen schriftlichen Literatur kommt der mündlichen poetischen Kultur eine immense Bedeutung zu. Denn diese gab damals nicht nur einen Anstoß zur Entwicklung der Literatur, sondern speist deren Fluß.
Im 15. bis 18. Jahrhundert erlebte die kasachische Poesie eine Blüte. In ihr spiegelte sich das Leben aus der Entstehungszeit des kasachischen Khanats und des kasachischen Volkstums wider. Die Dichtkunst ist untrennbar verknüpft mit den Shyrau – improvisierende Dichter und Erzähler. Sie brachten die Ideale mittelalterlicher Krieger und Nomaden, ihre sittlichen Werte und ihre Wahrnehmungen der Welt zum Ausdruck. Die Shyrau waren gute Kenner der Sagen und Bräuche sowie der Genealogien der Stämme und Völker. In Kriegszeiten nahmen sie an den zahlreichen Feldzügen teil, mehrere von ihnen waren Feldherren, wurden zu Helden, zu Recken. Sie schufen eine Vielzahl von Gedichten, aber alle hatten einen Bezug zum Kriegsleben. Ein Shyrau war nicht nur eine schöpferische Persönlichkeit, sondern auch Lehrmeister der Khane und Sultane. Er beeinflußte das politische Leben. Viele von ihnen hinterließen ein umfangreiches politisches Erbe.
Im 19. Jahrhundert beginnt eine neue Etappe in der Geschichte der kasachischen Literatur. Machambet Utemissow (1804 bis 1846) war im Volk als leidenschaftlicher Dichter und wagemutiger Krieger bekannt, der mit Wort und Schwert für die geistige Unabhängigkeit seines Volkes kämpfte. Er zeichnete sich durch Unbezähmbarkeit aus, durch seinen Ungehorsam und seine Unversöhnlichkeit gegen die Gewalt der Khane und der zaristischen Macht. Utemissow wurde zum Führer eines Aufstandes der Bukejewer Horde. Er fiel durch die Hand eines gedungenen Mörders. Seine Gedichte sind uns geblieben – voll des Pathos kriegerischer Freiheitsliebe und der Kraft der staatsbürgerlichen Stimme. Utemissows eigentümliche Poesie bereicherte die kasachische Literatur mit Themen und Ideen.

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Die kasachische Sprache besaß schriftliche Traditionen, aber zur gesamtnationalen Literatursprache wurde sie erst dank der dichterischen Tätigkeit von Abai (Ibrahim) Kunanbajew (1845 bis 1904). Abai war ein großer Denker, ein unvergleichlicher Künstler des Wortes, Komponist und unermüdlicher Aufklärer – ein Genie seiner Zeit und eine herausragende Persönlichkeit Kasachstans. Bereits mit dreizehn Jahren beherrschte Abai Arabisch, Persisch, Tschagatai und Russisch, was ihm später seine tiefe Vertrautheit mit den Werken der Klassiker des Ostens ermöglichte. Er zeigte reges Interesse an der klassischen europäischen und russischen Philosophie und Literatur, die das Werden Abais zum unübertroffenen Meister des künstlerischen Wortes beeinflußten. Er übersetzte Puschkin, Lermontow, Krylow, Goethe, Schiller und Byron ins Kasachische. Abai schuf unsterbliche Werke nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Musik. Sein “Buch der Wörter” ist ein prosaisches, religiöses und philosophisches Traktat, das die ganze Tiefe der mit Liebe zur gesamten Menschheit und zum Schöpfer gesegneten Volksweisheit zum Ausdruck bringt. Abai ist der nationale Stolz des kasachischen Volkes. Im Jahre 1995 feierte die UNESCO seinen 150. Geburtstag.
Die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts fügten der Literatur, Kultur und Wissenschaft Kasachstans immense Schäden zu. Viele herausragende Dichter, Schriftsteller, Wissenschaftler – die besten Vertreter der Intelligenz, Licht und Hoffnung Kasachstans – wurden zu Unrecht nationalistischer und dem Sozialismus gegenüber feindlicher Stimmungen bezichtigt und unter Stalin liquidiert. Unter ihnen auch die Begründer der kasachischen Literatur der Sowjetzeit – Saken Seifulin, Achmet Baitursynow, Myrshakil Dulatow, Iljas Dschansugurow, Sch. Ajmauytow und Sch. Kudaiberdyjew – sowie Hunderte andere glänzende Persönlichkeiten aus Kunst und Wissenschaft.

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Muchtar Auesow (1897 bis 1961) war ein herausragender Schriftsteller, Wissenschaftler und Dramatiker der Sowjetperiode. Er spielte eine wichtige Rolle in der Entwicklung der realistischen Prosa. Seiner Feder entstammen zahlreiche Erzählungen, Powest, Theaterstücke und nicht zuletzt die Roman-Epopoe “Abais Weg”, die in viele Sprachen übersetzt wurde. Die Wendung hin zu den nationalen Quellen, die Berührung mit der Volkskultur, das Nachdenken über die sittlichen Grundlagen des Daseins erwiesen sich als wichtig für das Werk der Künstler, die zu Chronisten ihrer Zeit und der vielfältigen Wandlungen im Leben des kasachischen Volkes wurden.

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Wer sind wir, woher kommen wir und wohin gehen wir? Diese ewigen Fragen sind heute besonders aktuell, denn das Gerippe der neuen kasachischen Literatur besteht aus der Generation, die in den 90er Jahren die literarische Bühne betraten. Sie sind die Erben von Askar Sulejmenow, Olschas Sulejmenow, Murat Auesow und Edige Tursynow, aber sie legen Wert auf andere Prinzipien der geistlichen und intellektuellen Tradition. Diese Generation stieg aus der Tiefe der nationalen Kultur herauf und fühlt sich frei – sowohl im Kontext der orientalischen als auch der westlichen Tradition. Zu nennen sind hier unter anderen die Dichter Aueschan Kodar, M. Akdauletow, E. Rauschanow, U. Esdauletow, A. Alimow und T. Abdikakimow, die Schriftsteller Sch. Schaschtajuly, S. Assylbekow, A. Askarow, M. Kulkenow, D. Aschimchanow und K. Schienbajew, die Literaturwissenschaftler und Kritiker A. Ismakowa, T. Schapajew, K. Schanabajew, Sch. Nurpeissowa, A. Mendeke und E. Amanschajew. Hoffentlich werden diese Autoren mit der Zeit neue Facetten im Dialog mit den Weltkulturen und Weltliteraturen entdecken.

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Besonders hervorzuheben ist die gesellschaftliche Tätigkeit und das Werk des Kulturwissenschaftlers, Übersetzers, Dichters und Schriftstellers Aueschan Kodar, dessen hohe Professionalität und unermüdliche Arbeit die einzigartige Literaturzeitschrift “Tamyr” hervorbrachten. Die Zeitschrift will die neusten intellektuellen und künstlerischen Ideen fördern und verbreiten sowie zugleich einer analytischen Kritik unterziehen.

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Das ästhetische Zusammenwirken der kasachischen Literatur mit den Literaturen anderer Völker, die Gesetze ihrer Entwicklung und ihrer Prozeßhaftigkeit, indem man die künstlerische Welt eines anderen Volkes durchdringt und Erfahrungen einer anderen Literatur aufnimmt – all dieses jahrhundertelange Werden der kasachischen Poesie wurde durch die Traditionen der orientalischen Klassiker reicher.
Heute zählen zu den bekannten Persönlichkeiten des literarischen Lebens die Schriftsteller Wadim Dergatschow, Dmitri Chegai, Marat Otynschew, Almas Tollebajew, Sergej Bujanow. Bekannt sind das poetische Experiment “Superjigita” und die Gedichte von Jerbol Schumagolow, Jerlan Askarbekow und Lilli Kalausa.

Quellenangaben: Der Text wurde von der Kasachischen Botschaft in Deutschland zur Verfügung gestellt

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